Wer war wirklich Zeuge?
Es ist leichter, über andere zu urteilen, als sich selbst zu sehen. Es ist leichter, von anderen Disziplin und Ordnung zu verlangen, als von sich selbst. Und es ist angenehmer, sich selbst im Spiegel anzulächeln — als sich wirklich zu beobachten. Fältchen als Schönheit zu sehen. Unebenheiten anzunehmen. Die Verurteilung nur auf die eigene Kappe zu nehmen.
Was hält uns davon ab, mitfühlend und gleichzeitig klar zu sein? Schließt das eine das andere aus?
Das ist nicht nur ein Text über Hundeausbildung. Das ist ein Text über den Zustand unserer Zeit. Über eine Gesellschaft, die sich in Oberflächlichkeit flüchtet — und dann mit eben dieser Oberflächlichkeit an den Hund herantritt.
Ist der Mensch wirklich so weit gekommen, dass er keine Zeit mehr findet, sich mit etwas auseinanderzusetzen? Dass er Dinge übernimmt, teilt und weitergibt — ohne Niveau, ohne Hintergrund, ohne Stil — nur weil sie ihn kurz von seinen eigenen Themen ablenken?
Ist das die heutige Zeit? Und ist das der Mensch, der heute mit seinem Hund arbeitet — vollgetankt mit Ablenkung, leer an Auseinandersetzung?
Ist das der Konsum?
Und genau dieser Mensch steht dann mit seinem Hund auf dem Platz. Ego gesteuert. Körperlich anwesend.
Ablenkung von sich selbst. Spaß haben ist keineswegs verkehrt. Aber Spaß haben von der Außenwelt, anstatt sich selbst zu fühlen und zu führen — das ist etwas anderes. Mir geht es nicht anders als vielen anderen. Wer schaut schon gerne hin? Wer erkennt gerne seine eigenen Schwächen — und nimmt sie nicht als Fehler, sondern als Teil von sich an? Und wer spricht vor allem mit demjenigen darüber, den es wirklich betrifft?
Hinter vorgehaltener Hand. Hinter dem Rücken. Oder einfach weitergelacht. Solange der Hund gut ist, alle Anforderungen erfüllt und das möglichst mit Leichtigkeit — ist alles wunderbar. Macht er einmal einen Fehler, ist er auf einmal nichts mehr wert. Bewertet. Ohne dass man je miteinander gesprochen hätte.
Wie bei guten Freunden. Dabei kann es sein, dass der Hund sogar der ehrlichere Gesprächspartner ist.
Wie sagt man so schön: Ein Zeuge kann erzählen — denn er war dabei. Alle anderen erzählen nur. Sie waren keine Zeugen.
Aber hinter dem Wort Zeuge steckt auch das Wort Märtyrer. Wie schön ist es manchmal, Zeuge von Dingen zu sein, die man selbst nie erlebt hat. Wie bequem, über etwas zu urteilen, das man nur vom Hörensagen kennt.
Ist es in der Hundeausbildung nicht genauso? Die wenigsten sind wirklich Zeugen. Die meisten sind Erzähler — und rechtfertigen sich dabei selbst.
Der Hund rechtfertigt sich nicht. Er handelt. Er versteht — und reagiert. Immer mit dem Gegenüber. Und nur wenn ihm nichts anderes übrig bleibt, kommt er von hinten. Manchmal ist das die einzig ehrliche Antwort, wenn das Unverständnis von vorne einfach zu groß ist.
Wenn ich sehe, ohne zu sehen — und das Gesehene weitertrage.
Wenn ich höre, ohne zu hören — und das Gehörte weitertrage.
Wenn ich fühle, ohne zu fühlen — und das Gefühlte eins zu eins verwende.
Sind das dann wir?
Frage ich den Hund — er wird es mir zeigen.
Frage ich den Menschen — er wird versuchen, Zeuge zu sein.
Vielleicht ist der erste Schritt kein Schritt.
Vielleicht ist es einfach nur das Erkennen. Ohne gleich etwas verändern zu müssen. Ohne Druck. Ohne Erwartung.
Nur wahrnehmen. Was ist. Wer ich bin. Was mein Hund mir zeigt. Das allein — ist schon mehr, als die meisten tun.
Und wenn du das hier erkennst — dann weißt du, dass es einen Ort gibt, wo Tiefe willkommen ist. Wo man nicht alles ins Lächerliche ziehen muss. Wo man einfach mal innehalten darf.
Du bist eingeladen — nicht zu einer Methode, nicht zu einem Programm. Sondern zu einem Ort, wo ehrliches Hinschauen mehr wert ist als tausend geteilte Clips. https://michaelaknoche.com
Der Hund zeigt. Der Mensch schaut. Und dann beginnt die eigentliche Arbeit.
Deine
Michaela ♥️
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