Die laute Welt – und was der Hund uns zeigt

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Die laute Welt – und was der Hund uns zeigt

Die laute Welt — und was der Hund uns zeigt

Vielleicht geht es nicht nur mir so – die Welt um uns herum erscheint lauter. Das sehe ich an der Vielzahl von Hunden, die ich als Trainerin und Begleiterin zur Ausbildung erlebe. Ich begegne in letzter Zeit immer häufiger Hunden, die schnell ungeduldig werden – damit verbunden ein Fiepen, oder allgemeiner gesagt: eine laute Unruhe.

Hier ist meine Überlegung zu verschiedenen Faktoren. Zum einen, vielleicht, die Epigenetik. Viele Hunde, gerade im Bereich des Hundesports, erleben viel Negatives. Das kann man zerreden oder auch nicht, erklären oder auch nicht, schönreden oder auch nicht. In meiner Erfahrung können vergangene Erfahrungen über die zelluläre Erinnerung auf alle Fälle mittragend sein – vorausgesetzt, man glaubt der Wissenschaft und den Erkenntnissen, die sich daraus ergeben.

Manche Dinge tauchen beim Hund plötzlich auf — Unruhe, Ungeduld, Lautstärke. Ist das wirklich ein Prozess, der sich langsam aufgebaut hat? Oder auch das Ergebnis von jahrelangem Nicht-Hinschauen — versteckt hinter dem Deckmantel der Wissenschaft, hinter dem Zählen von Wiederholungen und dem Messen von Verhalten, das man objektive Beobachtung nennt?

Man kann Hunden viel unterstellen. Viele tun das auch gerne, um eigene Beweggründe zu entschuldigen oder sich selbst für so manche Tat zu beruhigen. Zu suchen, was woher kommt, ist anspruchsvoll – und in meinen Augen oftmals unmöglich.

Was für mich zählt, ist eine Form von Weiterentwicklung. Und Weiterentwicklung beinhaltet immer das Ganze.

Das bedeutet: eine Entscheidung. Eine Entscheidung, die mich fragt — bin ich wirklich aufmerksam? Was fühle ich, was erfahre ich, was sehe ich? Ist das mein Gedanke, mein Wissen — oder eine alte Erfahrung, die ich längst übernommen habe, ohne es zu merken?

Im gleichen Moment, wo eine Idee entsteht, ist sie bereits als Energie im Raum. Durch meine Beobachtung — und dadurch, ob der Hund daraus lernt oder eben auch nicht — ergibt sich ein Zusammenspiel von Natur, Geist und Lebewesen. Das lässt sich nicht erzwingen. Es entsteht. Oder es entsteht nicht.

Früher war der Hund eine Sache. Heute ist die Sache eine andere: Menschen haben viel Wissen angesammelt — und Hunde viele Erfahrungen. Vielleicht ist es bei ihnen ähnlich wie bei uns: Sie geben weiter, was sie erlebt haben. Nicht in Worten. Aber in ihrem Körper, in ihrer Reaktion, in dem, was sie tragen.

Dazu kommt etwas, das ich in meiner täglichen Arbeit immer deutlicher spüre: Wir werden überflutet — mit Informationen, Meinungen, Methoden. Alle wissen, wie es richtig geht. Überall gibt es Antworten, noch bevor die Frage zu Ende gedacht ist. Und am Schluss? Hat man keine eigene Meinung mehr. Man ist verwirrt. Man weiß nicht mehr, wem man glauben soll — sich selbst am allerwenigsten. Und dieses Nicht-mehr-Wissen, diese innere Verwirrung, die beißt sich am Schluss im Hund.

Wir müssen das nicht immer verstehen. Wir verstehen uns selbst ja oftmals kaum.

Ich sehe es auch an mir: Man lässt Dinge zu, die man eigentlich nicht will. Man schaut Dinge an, von denen man weiß, dass sie niemanden gut tun. Aber um des Erfolges willen, um das Ego zu beruhigen — oder weil man eben so arbeitet, wie man arbeitet, weil es vermeintlich dazugehört — schaut man weg. Und die, die nicht wegschauen, werden belächelt. Oder man unterstellt ihnen, dass sie es nicht können.

Vielleicht bilde ich mir das alles nur ein.

Aber viele Bilder geben eine Einbildung. Eine Einbildung gibt eine Erfahrung. Eine Erfahrung gibt eine Umsetzung. Und eine Umsetzung gibt einen Glauben.

Und genau hier beginnt das, was ich sehe. Nicht im Kopf. Im Körper.

Wenn ein Fokus nicht wirklich hinterlegt ist — wenn der Hund ihn nicht aktiv will — dann spricht der Körper eine eigene Sprache. Kein Sabbern, keine Muskelanspannung, kein geschlossener Fang, kein echtes Hinwenden. Nur eine Hülle von Aufmerksamkeit, ohne das Feuer dahinter.

Und das sieht man. Immer.

Der Hund ist kein Problem. Er ist kein Opfer. Er ist ein Spiegel — und er zeigt uns, was wir hineingebracht haben. Ohne Maske. Ohne Erklärung. Ohne Gnade.

Denn die Unruhe, die wir beim Hund sehen, beginnt nicht beim Hund. Sie beginnt beim Menschen, der nicht mehr weiß, wer er selbst ist — in dem Moment, wo er mit dem Hund arbeitet.

Ich sage das nicht nur theoretisch. Ich sehe es täglich.

Die Technik im Hundesport wird besser. Menschen beobachten feiner, nehmen Details wahr, die früher niemand gesehen hat. Und trotzdem — oder vielleicht genau deshalb — wird die Ungeduld größer. Der Erfolg muss sich einstellen. Sofort. Und wenn nicht, dann sucht man nicht nach der Grundlage — man sucht nach der schnellen Lösung. Weil Ungeduld schneller zum Zwang führt, als zu verstehen, wie Hunde wirklich lernen. Weil Veränderung von Grund auf Zeit braucht — und Zeit ist das, was viele nicht mehr haben wollen.

Mir kommt es vor, als würden viele Menschen heute nicht mehr wirklich leben — sondern konsumieren. Und wer konsumiert, verliert leichter das Gefühl und den Kontakt zu sich selbst. Und damit auch zum Hund.

Dabei ist die Lautstärke des Hundes kein Problem. Sie ist eine Mitteilung. Sie sagt: Hier fehlt etwas. Oder hier ist etwas zu viel. Hier ist Stress, der keinen anderen Weg findet.

Die Lautstärke wird weggemacht — durch Druck von außen, oder durch Beute, die beim triebstarken Hund das Gegenteil bewirkt: Die Ungeduld wächst, die Anspannung steigt, und die Lautstärke bleibt. Der Kreislauf dreht sich weiter.

In der Ausbildung spricht man davon: Wenn sich nach zwei bis fünf Wiederholungen — und das ist bereits hoch angesetzt — nichts am Hund verändert, dann muss die Grundlage neu geschaffen werden. Nicht die Übung. Die Grundlage.

Verstärkung ist wichtig — aber sie ist nicht alles. Wer nur auf die Verstärkung schaut und den Prozess dahinter ignoriert, greift zu kurz. Es geht nicht allein um die Verstärkung. Es geht um den Prozess, der die Übung trägt.

 

Antworten kann man nur geben — wenn man weiß, wer man ist

Du wolltest es richtig machen. Also hast du dir Hilfe gesucht — eine Hundeschule, einen Trainer, das Internet, ein Buch. Herzlichen Glückwunschab diesem Moment wusste jeder besser als du, was dein Hund braucht.

Und dort beginnt die Flut.

Alle Menschen, die dort vor Ort sind, sagen dies und das. Jeder, der dann noch ein Buch dazu liest, erhält wieder eine andere Meinung. Und jeder weiß es besser — oder zumindest ganz genau.

Man sagt: Viele Köche verderben den Brei. Ich sage: Viele Fragen bedeuten viele Antworten. Und viele Antworten bedeuten viele Fragen. Ein Kreis, aus dem man kaum mehr herausfindet.

Wissen ist nicht automatisch Macht. Wenn es an der falschen Stelle ankommt, oder zu viel davon auf uns einwirkt, wird es zur Last. Zu Druck. Zu dem Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Zu dem leisen Gefühl, nicht gut genug zu sein — und im Hund etwas zu zerbrechen.

Und der Welpe? Der sitzt daneben. Und wartet.

Er wartet auf jemanden, der weiß, wer er ist.

Natürlich kann ein Hund sich diese Frage nicht stellen — Wer bin ich? — aber er lebt in ihr. Er bleibt in einer Form des Wartens. In einem luftleeren Raum. Er schöpft aus dem, was ihm als Grundlage gegeben ist — seinen Instinkten, seinem Ursprung — und wartet darauf, Antworten zu bekommen.

Doch Antworten kann man nur empfangen — und nur geben — wenn man selbst weiß, wer man ist. Was einem wichtig ist. Was man fühlt. Was man wirklich will.

Der Stress, die Unsicherheit, die innere Verwirrung — sie bleiben nicht beim Menschen. Sie übertragen sich.

Still. Ohne Absicht. Und ohne Gnade.

 

Nicht Warum — sondern Wofür

Vielleicht ist das die eigentliche Frage.

Nicht: Warum ist mein Hund so laut? Nicht: Was habe ich falsch gemacht?  Nicht: Welche Methode ist die richtige?

Sondern: Wofür zeigt mir mein Hund das gerade?

Das klingt klein. Aber es verändert alles.

Das Warum sucht einen Schuldigen. Eine Ursache. Eine Erklärung, die beruhigt — und die uns gleichzeitig wieder in die Flut treibt. Zurück zu den Büchern, den Trainern, den Meinungen. Zurück in den Kreis.

Das Wofür hält inne. Es schaut hin. Es fragt nicht nach dem Ursprung — es fragt nach der Verbindung. Und genau dort, in diesem Moment des Hinhörens, beginnt etwas.

Der Hund wird nicht leiser, weil man die richtige Methode gefunden hat. Er wird leiser, weil der Mensch neben ihm wieder weiß, wer er ist. Weil er eine Entscheidung getroffen hat — für sich. Und damit auch für den Charakter, die Qualität und die Verbindung, die zwischen ihnen wächst.

Nicht perfekt. Nicht fehlerfrei. Aber present.

Und das — nur das — ist es, worauf der Hund gewartet hat.

Wer festhält, blockiert. Neue Ideen finden keinen Eingang. Neuer Mut auch nicht. Und die Möglichkeit, wirklich neu zu beginnen — mit sich selbst, mit der Ausbildung, mit dem Hund — die wartet draußen. Vor der Tür.

Wer loslässt, macht Platz. Platz für neue Erfahrungen. Für neue Verbindungen. Für all das, was noch kommen kann — und worauf vielleicht nicht nur der Hund wartet.

Vielleicht lebst auch du gerade in einem Vakuum. Es gibt dir Sicherheit, weil das Gewohnte immer bei dir ist. Gewohnheit hat einen Raster — und der gibt Halt.

Aber was würde passieren, wenn du einfach mal ein wenig mutig wärst — und ein kleines Loch in dieses Vakuum schneidest?

Du hast die Möglichkeit. Wenn dir nicht gefällt, was du draußen siehst, kannst du das Loch wieder schließen. Oder es größer machen. Oder irgendwann eine Tür einbauen— um hinauszugehen. Und du kannst jederzeit zurück.

Aber wenn du nie vor die Tür gehst, trägst du eine große Last. Die Last, einen Rucksack zu tragen, der schon längst nicht mehr zu dir passt — alt, abgenutzt, und so schwer, dass es sich leichter anfühlt, dort zu bleiben, wo man ist.

Der erste Schritt bist du. Nicht die Methode. Nicht das Buch. Nicht der Trainer.

Du.

 

Die Lautstärke außen — der Hund. Die Lautstärke innen — der Mensch. Und am Ende die Frage: Was ist bei dir gerade laut?

 

Deine

Michaela ♥️

 

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